Rückblick zum Science Day 2015

Keine menschenleeren Fabriken absehbar

10.03.2015 | Die Jahrestagung der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften war mit knapp 100 Teilnehmenden wieder gut besucht. Im Leibnizhaus Hannover hatten sie die Gelegenheit, sich mit unterschiedlichen Positionen zum Thema „Industrie 4.0“ auseinanderzusetzen.

Der Science Day 2015 fand am 2. März im Leibnizhaus Hannover statt.

Das Eingangsreferat von PD. Dr. Andreas Boes, ISF München, beschäftigte sich mit dem Strukturwandel in der Wirtschaft und den vier zentralen Ebenen der Veränderung.

  • Wertschöpfungsketten werden weiter vernetzt und globalisiert, wobei der von ihm identifizierte Informationsraum als Rückgrat einer neuen Phase der Globalisierung angesehen wird.
  • Der Informationsraum ist Ausgang einer neuen Industrialisierungswelle. Ein „neuer Typ der Industrialisierung“ setzt an der Informationsebene an und die Wissensarbeit wird Gegenstand von neuen Industrialisierungskonzepten.
  • Die Unternehmen erfinden sich neu: vom bürokratisch-fordistischen Unternehmen zum neuen Leitbild des „systemisch integrierten Unternehmens“ („agiles Unternehmen“).
  • Den Strukturwandel der Arbeit erleben die Beschäftigte als eine grundlegende Veränderung ihrer Arbeitsbedingungen – gepaart mit Unsicherheitserfahrungen und einer daraus resultierenden Angst insbesondere der Mittelschichten vor dem Abstieg.

Der historische Bruch in der Entwicklung des Kapitalismus muss nach Boes nachhaltig gestaltet werden. So solle eine gesellschaftliche Debatte darüber geführt werden, wie und für was die neuen Potenziale der Informatisierung in Wirtschaft und Gesellschaft wirklich genutzt werden sollen.
Außerdem sieht er offene Fragen bei der politischen Regulierung (Welche Rolle spielt der Datenschutz? Welchen Einfluss haben die veränderten Rahmenbedingungen auf unser Sozialversicherungssystem und das Arbeitsrecht?).

Im Mittelpunkt der Ausführungen von Jonas Mayer vom Institut für Fabrikanlagen und Logistik der Leibniz Universität Hannover standen die zukünftigen Herausforderungen in der Logistik.

Die Potenziale durch Industrie 4.0 sieht Mayer in der Steigerung der Datenqualität, -quantität, -auflösung und -aktualität. Eine verbesserte Datengrundlage führe zu einer exakteren Beschreibung von Produktionssystemen durch logistische Modelle. Zudem werde die Aussagekraft und Anwendbarkeit von logistischen Modellen erweitert.
Insgesamt würden die Entwicklungstendenzen der Industrie 4.0 es produzierenden Unternehmen ermöglichen, effiziente Prozesse bei der Produktion komplexer Güter in volatilen Märkten zu bewerkstelligen.
Einschränkend stellte er aber zugleich klar: Arbeitsrechtliche Fragestellungen dürfen nicht außer Acht gelassen werden. So hat der Betriebsrat bei der „Einführung und Anwendung von technischen Einrichtungen, die dazu bestimmt sind, das Verhalten oder die Leistung der Arbeitnehmer zu überwachen“, das Recht mitzubestimmen (§ 87 Abs. 1 BetrVG).

Dr. Elisabeth Wienemann, Lehrbeauftragte am Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaften an der Leibniz Universität Hannover, beschäftigte sich aus Sicht der Arbeitswissenschaft mit dem Thema „Industrie 4.0“.

Sie beschrieb die Herausforderungen, die sich aus dem Wandel in der Arbeitswelt ergeben. Positiv seien aus Ihrer Sicht u.a. größere Freiheitsgrade, Kreativität, Selbststeuerung, Vernetzung, Selbstverwirklichung und Spaß bei der Arbeit.
Als negative Auswirkungen benannte Sie eine stärkere Arbeitsintensivierung, Verfügbarkeitskultur (Entgrenzung), Flexibilisierung, Beschleunigung, Marktdruck, Kontrolle durch Kennzahlen, Selbstausbeutung, befristete Beziehungen, Prekarisierung und Entsolidarisierung. Einschränkend sei hervorzuheben, dass diese Befunde nach Beschäftigtengruppen differieren. Konkrete Gestaltungsansätze sah sie in diesen Punkten:

  • praxisorientierter Ausbau technische Inhalte in der Aus- und Weiterbildung
  • Lernen im Prozess der Arbeit / Lernförderliche Arbeit / Lernräume
  • Identifizierung von Chancen technologischer Entwicklungen z.B. für leistungsgewandelte MitarbeiterInnen
  • Partizipative und proaktive Gestaltung und Regelung von Arbeit mit neuen technischen Anwendungen und (technikbasierten) Kompetenzentwicklungsprozessen

Welf Schröter vom Forum Soziale Technikgestaltung beim DGB-Bezirk Baden-Württemberg, Stuttgart, konstatierte in seinem Vortrag, dass die Bedeutung des „Prinzips Betrieb“ zwar abnimmt, aber der Betrieb als Ort bestehen bleibe. Künftige Veränderungen sieht er in den folgenden Bereichen:

  • Die Anzahl der ArbeitnehmerInnen mit stabilen unbefristeten Arbeitsplätzen (NAV) in der Kernbelegschaft geht schrittweise zurück.
  • Die Anzahl der WerkverträglerInnen, der Free-Lancer sowie der eingekauften Leistungen von Solo-Selbstständigen (Crowdworker) wächst.
  • Die materiellen und sozialen Interessen von Kernbelegschaften und „Freien“ driften auseinander.

Das Konzept „Industrie 4.0“ ist für ihn keine neue Technologie. Es sei vielmehr eine andersartige Zusammenfügung bzw. Integration vorhandener Techniken aus der Perspektive der Kundin / des Kunden „mit Los-Größe Eins“. Dazu gehören lt. Schröter Digitalisierung, Virtualisierung, Cloud Computing, Schnelle Netze, Internet der Dinge (RFID, CPS Cyber-Physical-Systems), Organische Elektronik, Humanoide Robotik und weitere. Die Verfasstheit von Arbeit wandele sich, weil

  • der Betrieb als normativer Ort der Arbeit für die Gesellschaft an Bedeutung verliere,
  • das betriebsarbeitsplatzzentrierte Denken in der Gesellschaft pluralisiert werde,
  • das traditionelle Normalarbeitsverhältnis seine allseits prägende Kraft verliert und somit „ausfranst“,
  • neue Beschäftigungsformen und -typen wachsen,
  • Kernbelegschaften kleiner werden und zugleich an Bedeutung gewinnen.

Der Umbau hin zu Strukturen von „Industrie 4.0“ ist seiner Meinung nach mehr als das Zusammenwachsen und der Konvergenz von Technologien des Maschinenbaus, der Elektrotechnik und der Informationstechnologie.

In einem Punkt waren sich alle Referenten_innen sicher: Ohne die Menschen wird es keine digitale Arbeitswelt und keine Fabrikanlagen geben.

Für Interessierte stellen wir die folgenden Präsentationen zur Verfügung und verweisen auf diese einführende Linksammlung:

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AK Studierendenarbeit
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Klausur der Kooperationsstellen in Niedersachsen und Bremen
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Konsumkritik - wollen wir immer mehr??
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Reichtumsuhr

Die Vermögensverteilung in Deutschland
Vermögen in Deutschland sind extrem ungleich verteilt. Die Nettoprivatvermögen wachsen zudem um 328 Milliarden Euro im Jahr. Allein das reichste 1% der Bevölkerung darf einen Vermögenszuwachs von 117 Milliarden Euro im Jahr einstreichen. Auf der anderen Seite steht ein Zuwachs der öffentlichen Verschuldung von 5,4 Milliarden Euro jährlich. Die Reichtums- und Schuldenuhr der ver.di-Bundesverwaltung schreibt diesen Trend fort.
Erläuterungen zu den Berechnungsgrundlagen der Reichtums- und Schuldenuhr (PDF, 167 kb)

Pinnwand

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  • TIB-UB_der_LUH
    Die Sondersammlung zur Gewerkschaftsbewegung mit einem Bestand von etwa 10.000 Bänden umfasst sozialwissenschaftliche Literatur und Gewerkschaftsmaterialien zur Organisationsgeschichte und -politik. Sie wird in Kooperation mit den sozialwissenschaftlichen Instituten der Leibniz Universität Hannover und dem Deutschen Gewerkschaftsbund aufgebaut.

  • Einstellung zur Arbeit
    In 15 Städten weltweit wurden im Rahmen des Projektes Videos mit einer Länge von 1-2 Minuten erstellt. Vorgabe: Die Aufnahmen sollten in einer einzigen Einstellung ohne Schnitte produziert werden. Entstanden sind beeindruckende Kurzportraits zum Thema Arbeit.