Tagung: Wege ins Glück

Zum Verhältnis von sozialer Gerechtigkeit und Zufriedenheit

15.03.2018 | In welchem Zusammenhang stehen soziale Gerechtigkeit und Zufriedenheit in unserer Gesellschaft?Diese Frage wurde auf der Tagung " Wege ins Glück" am 06.03.2018 in der der Rotation, verdi Hannover, ausgiebig diskutiert. Lesen Sie den Tagungsbericht hier..

Die Kooperationsstelle Hochschule und Gewerkschaften Hannover Hildesheim lud gemeinsam mit der KDA, dem Landesbüro Niedersachsen der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem Bildungswerk ver.di, dem ver.di Bezirk Hannover-Heide-Weser, der IG Metall Hannover, der DGB Jugend sowie der SoVD Landesverband Niedersachsen e.V. zur Veranstaltung Wege ins Glück – Zum Verhältnis von sozialer Gerechtigkeit und Zufriedenheit in dem Veranstaltungszentrum „Rotation“ am 6. März 2018 in den ver.di-Höfen ein. Es begrüßte Dr. Matthias Jung, Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA), das zahlreich erschienene Publikum mit der einleitenden These Wege zum Glück erfolgt über Umverteilung. So seien Gesellschaften mit einer geringen Einkommensspanne ausgeglichener, es gebe weniger Ängste oder psychische Erkrankungen und eine geringere Kriminalitätsrate. Für Deutschland bestehe hierbei Handlungsbedarf, die Lebensqualität hänge schließlich von sozialen Bindungen innerhalb der Gesellschaft ab, nicht vom Materialismus.

Dieser sei durch die finanziellen Mittel des Individuums bedingt, unter anderem dieser Verhalt wurde im Anschluss durch Dr. Anita Tiefensees (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung) Impulsreferat Ungleichheiten in Deutschland – Ursachen und Folgen thematisiert. Ließe man seinen Blick auf globale Entwicklungstendenzen schweifen, würde auffallen, dass die globale Ungleichheit zwischen den Ländern abnehme, sich jedoch auf Nationalstaatebene die Schere der Ausgeglichenheit weiter öffne. Bezogen auf Deutschland ließe sich dies unter anderem im finanziellen Bereich festmachen: geht man alleine nach den Zahlen, so Tiefensee, müsste es gemessen an dem BIP-Wachstum oder der Beschäftigtenzahl der deutschen Bevölkerung gut gehen. Auf der anderen Seite seien Erbschaften ungleicher verteilt als Vermögen, welches wiederum ungleicher als das Einkommen verteilt sei: wer bereits ein karges Einkommen hätte, besitze heute ein noch geringeres Realeinkommen. Somit seien insbesondere Alleinerziehende, Geflüchtete und Kinder armutsgefährdet, wobei alleinerziehende Frauen, die häufig im Dienstleistungsbereich oder dem Verkauf tätig wären, verstärkt betroffen seien. Tiefensee kam zu dem Schluss, dass Doppelverdiener am besten vor Armut geschützt sind. Da wohlhabende Eltern entsprechend ihres Einkommens viel an ihre Kinder vererben können und sich entgegen den ärmeren Bevölkerungsschichten geringeren Steuerbelastungen entgegensehen, steige die Ungleichheit im Staat weiter an, auch weil untere Einkommensgruppen nicht die Bildungsqualität (frühkindliche Bildung, Nachhilfeunterricht) ihrer Kinder gewährleisten können, wie es das obere Ende bereitstelle. Diese Ungleichheit schade auf lange Sicht dem Wirtschaftswachstum, aber auch den politischen Einflussmöglichkeiten der ärmeren Bevölkerung. Ebenfalls steige in einem unausgeglichenen Staat die Kriminalitätsrate, von der alle Einkommensklassen auf die eine oder andere Art ergriffen werden können. Ihr Appell: Deutschland ist ein reiches Land, sodass man durchaus etwas versuchen kann, gegen die steigende Ungleichheit vorzugehen.

Der zweite Vortrag von Dr. Cornelia Heintze (Beraterin mit Forschungstätigkeit im Bereich international vergleichender Wohlfahrtsforschung) nahm Bezug auf die Vorbildfunktion Skandinaviens hinsichtlich der Einkommensungleichheitsbewältigung und der Bedeutung der öffentlichen Daseinsvorsorge. Im Zuge des weltweiten Anstiegs der Ungleichheit stellte sie die zu prüfende These auf, ob ein Zusammenhang zwischen fortschreitender Privatisierung und Ungleichheitszunahme bzw. –festigung besteht. So wachse auf Staatenebene das Privatkapital in den letzten 40 Jahren stetig an, währenddessen das öffentliche Kapital im gleichen Zeitraum Verluste verbuchen müsse. Bei der Analyse Skandinaviens stelle sich diese Entwicklung anders dar, hier erziele das öffentliche Kapital zwar ein geringeres Nettovermögen, nähere sich aber dem Privatvermögen an, im Fall Norwegens ist sogar das weltweit größte Staatsvermögen festzustellen. Eine mögliche Begründung führte Heintze mit der, im Vergleich zu anderen europäischen Staaten, geringen Privatisierung öffentlicher Bereiche an, untersucht wurden unter anderem Post, Eisenbahn und Krankenhäuser. Die (staatliche) finnische Post übernehme neben ihrem klassischen Berufsfeld ebenfalls Haushalts- oder Sicherheitsdienste und wirke somit in ihrer breiten Aufstellung einer kleingewerblichen Fragmentierung und Plattformkapitalismusausbreitung entgegen. Dieser skandinavisch-staatsförmige Pfad in die Dienstleistungsgesellschaft führe bei den Arbeitnehmern zu einem hohen Organisationsgrad, der von Deutschland gewählte marktgeführte Weg zöge eine Desorganisation nach sich. Eine starke Gewerkschaft könne Vereinbarungen in tarifgebundenen Berufen (hier: Pflegekräfte und Physiotherapeuten) durchsetzen, welches letztlich auch die finanzielle Ungleichheit im Land reduziere. Hierzulande sei festzustellen, dass trotz steigenden Leistungsanforderungen die Entlohnung nicht im gleichen Maß mitwachse und somit innerhalb des Wettbewerbs gewerbliche Kostenführer aufgrund ihrer geringen Tarifbindung immer häufiger die Marktführer darstellen würden. Obgleich in Skandinavien die Heimträgerschaften mit mindestens 74% in öffentlicher Hand lege, verdienen die Beschäftigten dort mehr als ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen, sodass abschließend der Zusammenhang zwischen Privatisierungsgrad und Ungleichheit innerhalb der untersuchten Regionen unterstrichen wurde.

Nach den Impulsreferaten eröffnete sich im Zuge der World-Café Methode für das Auditorium die Möglichkeit, ihren Gedanken zu den Thesen Soziale Ungleichheit fördert Rechtspopulismus, Gesellschaftliche Umverteilung macht alle glücklicher und Wer arm ist, hat keinen Einfluss Stimme zu verleihen und in kleinen Gruppen über staatliche und private Handlungsmöglichkeiten zu debattieren.     

 

Max Winter, Praktikant bei der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften

März 2018

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