Tagungsbericht

Jahrestagung "Arbeit 4.0 - Arbeiten in der digitalisierten Gesellschaft"

07.12.2016 | Am 18. Nov. 2016 lud die Kooperationsstelle Hochschulen & Gewerkschaften Hannover-Hildesheim zu ihrer Jahrestagung in die ver.di-Höfe in Hannover ein, zu der sich mehr als 130 Teilnehmer*innen einfanden. Unter dem Schlagwort „Arbeit 4.0“ referierten und diskutierten Experten*innen unterschiedlicher Provenienz über die Herausforderungen, Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten von Arbeit in der digitalisierten Gesellschaft.

Den Auftakt machte die Vizepräsidentin für Lehre und Studium der Hochschule Hannover (HsH), Frau Prof. Dr.-Ing. Marina Schlünz. In ihrem Grußwort machte sie deutlich, dass dem Thema Digitalisierung an der HsH besondere Aufmerksamkeit zukommt, was sich z.B. in der Planung eines fakultätsübergreifenden Lehrprojektes zum Thema „Industrie 4.0“ niederschlägt.

Im zweiten Grußwort unterstrich Frau Theda Minthe, Leiterin der Stelle Wissenschaftsstadt Hannover (LHH), dass auch die Stadt Hannover dem Thema Digitalisierung ihr Augenmerk widmet – und ihm praktisch begegnet. So soll die Digitalisierung der Stadt Hannover in den nächsten Jahren vorangetrieben werden: Etwa durch kostenfreie WLAN-Netze in öffentlichen Gebäuden und Schulen, aber auch durch E-Government.

Der erste Referent der Tagung, Thorben Albrecht, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, begann seinen Vortag mit einem Verweis auf das Grünbuch des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Die dort aufgeworfenen Fragen seien seiner Ansicht nach auch genuin gewerkschaftliche Fragen, insbesondere in ihrem Praxisbezug. Das im November 2016 erscheinende Weißbuch solle zudem erste Antworten zu den Gestaltungsmöglichkeiten von „Arbeit 4.0“ liefern, denn, so Albrecht: Man kann die Modernisierung als auch Chance begreifen.

In diesem Sinne wendet sich Albrecht in seinem Vortrag gegen eine Dämonisierung der Digitalisierung, insbesondere in der Arbeitswelt. Die Befürchtungen, 50% der Arbeitsplätze seien durch den digitalen Wandel gefährdet, seien unbegründet, da etwa die in der Theorie entworfenen Automatisierungen in der Praxis noch lange nicht umgesetzt werden könnten. Auch würden im Zuge der Digitalisierung neue Arbeitsfelder und somit Arbeitsplätze entstehen. Grundsätzlich solle menschliche Arbeit nicht als „Restarbeit“ von Maschinen angesehen werden – denn sie ändere nur ihre Qualität. So plädiert Albrecht in seinen Schlussworten dafür, dass die Arbeit der Menschen künftig vor allem kreativer und empathischer gestaltet sein soll. Bedingung für eine positive Beschäftigungsbilanz in der Zukunft sei jedoch die zielgruppengerechte Investition in Umschulung und Bildung, etwa im IT-Bereich, denn: Qualifizierung sei die beste Absicherung.

Anschließend referierte Frau Prof. Dr. Kerstin Jürgens von der Universität Kassel. Sie betonte zu Beginn ihres Vortrages, dass sie als Soziologin einen bestimmten Blick auf gesellschaftliche Veränderungen hätte, den sie auch in ihrem Vortragstitel „Die Arbeit der Zukunft vom Menschen aus denken“ zum Ausdruck bringen wollte. Für sie soll der Mensch mit seinen biologischen, sozialen, kulturellen usw. Ausstattungen und Bedürfnissen zum Ausgangspunkt für die Überlegungen zur Gestaltung von Arbeit im Zuge der Digitalisierung gemacht werden. Denn Arbeit, so betont Jürgens, ist für Menschen identitätsstiftend und somit ein elementarer Bestandteil ihres Selbst.

Im Anschluss an diese anthropologischen Überlegungen stellt Jürgens fest, dass auch kulturelle Prägung und Rahmung Auswirkungen auf die Digitalisierung haben. D.h. dass Digitalisierung nicht nur Kultur verändert, sondern dass die jeweilige Kultur entscheidenden Einfluss auf die Art und Weise hat, wie Digitalisierung sich entwickelt, entfaltet und wirkt. Jürgens unterstreicht ihre Prämisse mit der Feststellung, dass etwa in Japan Maschinen (z.B. Robotern) eine Seele zugesprochen wird – was einen gänzlich anderen Umgang mit Maschinen zur Folge hat, als etwa in Europa.

Weiterhin sei es immer auch eine Frage der Definition bestimmter Schlüsselbegriffe, die den Diskurs um etwa den digitalen Wandel mitbestimmen, z.B. „Fortschritt“ oder „Innovation“, denn: Verbessert „Innovation“ per se die Lage von Menschen?

Schließlich sei ernst zu nehmen, dass der digitale Wandel gesellschaftliche Spaltungstendenzen verschärfen könne. Da die traditionellen Strukturen Deutschlands jedoch ohnehin nicht aufrechtgehalten werden könnten, müsste man dem Strukturwandel offen begegnen – dies jedoch unter Berücksichtigung des Faktors Mensch.

Frau Jürgens ist zudem Vorsitzende der Expertenkommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung. In dieser heterogen zusammengesetzten Kommission aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft werden die Herausforderungen und Perspektiven für die Gestaltung der Arbeitswelt diskutiert, ein Abschlussbericht wird im Mai 2017 veröffentlicht. Fest steht laut Jürgens, dass in Deutschland der Dialog und Diskurs zum Thema Digitalisierung vorbildlich ist – betont jedoch auch, dass andere europäische Länder dringend nachziehen müssten, denn: Nur gemeinsam lassen sich die Herausforderungen der Digitalisierung wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell angehen. Ein Machtgefälle innerhalb Europas zwischen fortschrittlichen Ländern und solchen, die „abgehängt“ werden hätten nicht zuletzt eine Schwächung der wirtschaftlichen Kraft der EU zur Folge.

Den letzten Vortrag des Vormittags hielt Moritz Niehaus, Gewerkschaftssekretär im Ressort Zukunft der Arbeit beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt a.M., in dem er die gewerkschaftliche Diskussion zu Arbeiten 4.0 skizzierte. Nach einer knappen Einführung ins Thema Digitalisierung fokussierte er zunächst neue Beschäftigungsformen, so exemplarisch das Phänomen des Crowdworkings/Crowdsourcings. Zwar böten diese Arbeitsformen gewisse Vorteile, etwa die flexible und globale Beschäftigung sowie die Chance auf Neben-/ Dazuverdienst. Jedoch vor allem um den Preis mangelnder sozialer Sicherung, etwa bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Ebenso sei das Einkommen für den Einzelnen nicht kalkulierbar, die globale Konkurrenz verschärfe zudem den Druck.

Die IG Metall fordert als Reaktion auf das Phänomen des Crowdworking zunächst, Transparenz zu schaffen. So sollten Plattformen, die Crowdworker vermitteln, ihre AGBs verständlich und vergleichbar machen. Weiterhin soll eine IG Metall-Mitgliedschaft auch für Solo-Selbständige ermöglicht werden. Auch die Politik sei gefragt: Es müsse etwa gesetzlich geklärt werden, ob Crowdworker einen Status als arbeitnehmerähnlich Beschäftigte erhalten könnten. Fragen nach einem Mindesthonorar, vergleichbar dem Mindestlohn, sollten ebenfalls geklärt werden. Schließlich haben sich Gewerkschaften Strategien zu überlegen, wie im digitalen Zeitalter Organisationsformen gestaltet werden könnten.

Niehaus machte abschließend anhand von Beispielen deutlich, wie dringend tarifliche Rahmenbedingungen benötigt werden, um die neuen, im Zuge der Digitalisierung entstehenden Beschäftigungsverhältnisse arbeitnehmerfreundlich zu regulieren.

Nach der Mittagspause wurden Beispiele aus der Praxis referiert. Bertina Murkovic, stellv. Betriebsratsvorsitzende von VW Nutzfahrzeuge, stellte einleitend fest, dass derzeit bei VW günstige Rahmenbedingungen vorherrschen würden, die eine Mitgestaltung an dem Thema Digitalisierung im Betrieb seitens des Betriebsrates möglich machen. Zentral für den BR ist das Stichwort „Gute Arbeit“ und wie diese durch Industrie 4.0 beeinflusst wird. Hierbei hat der BR die wichtigsten Kriterien von Guter Arbeit aus Arbeitnehmer*innensicht zusammengetragen sowie im VW Betrieb evaluiert, wie der Stand der Digitalisierung ist. Auf dieser Grundlage wurden, je nach Bereich des Betriebes, Möglichkeiten der Digitalisierung auf ihre Vor- und Nachteile hin untersucht und dokumentiert, z.B. die Möglichkeiten von 3D-Druckern. Weiterhin erarbeitet der BR unter dem „Leitbild Mensch“ ein Bild von guter Arbeit in Industrie 4.0. Um die derzeitige Ausgangslage für die Digitalisierung bei VW zu ermitteln, wurde weiterhin Frau Prof. Dr. Sabine Pfeiffer von der Universität Hohenheim herangezogen, die in ihrer Untersuchung zu einem positiven Urteil kommt: So wäre etwa das Fach- und Erfahrungswissen in der Belegschaft sehr hoch, was ein wichtiger Faktor im Kontext der bevorstehenden Digitalisierung sei.

Das zweite Praxisbeispiel gab Jochen Berendsohn, Personalratsvorsitzender bei den VGH Versicherungen. Wie im Dienstleistungsbereich allgemein, stünde auch die VGH vor besonderen Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Herr Berendsohn machte mit Nachdruck darauf aufmerksam, dass hier gesetzliche Rahmenbedingungen sowie Tarifverträge notwendig seien, um „Gute Arbeit“ zu gewährleisten. So solle etwa eine Neuverteilung von Arbeitszeiten fokussiert werden. Auch sollten Konzepte erarbeitet werden, mit denen neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten bzw. eine sinnvolle Umverteilung von Arbeitsplätzen stattfinden könnte.

Problematisch seien aus seiner Sicht vor allem auch „neue“ Führungsmodelle, wie etwa die indirekte Steuerung sowie die Prozesssteuerung. Diese würden zum einen dazu führen, dass Arbeitnehmer*innen weniger Entscheidungskompetenz zukommen würde, zum anderen die Selbststeuerung und somit Selbstausbeutung sich erhöhte. Hier sei besondere Sensibilität gefragt, um „Gute Arbeit“ für die Zukunft zu sichern.

Den letzten Vortrag der Tagung hielt Ute Stahlmann, Leiterin der Abteilung Wirtschaftsordnung und Arbeitsmarkt, Niedersächsisches Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Sie begann mit einer Entschärfung der Prognose, dass die Digitalisierung zu massiven Arbeitsplatzverlusten führen würde – tatsächlich handele es sich derzeit um geschätzte 30.000 bis zum Jahr 2025. Zwar wäre die Zahl der Streichungen von Arbeitsplätzen deutlich höher; jedoch würden ebenso neue Arbeitsplätze in neuen Arbeitsfeldern entstehen. Diese stellten indes auch höhere Anforderungen an Arbeitnehmer*innen, weshalb realistisch gesagt werden müsse, dass die Digitalisierung auch Verlierer produzieren würde. Frau Stahlmann wies in diesem Kontext auf eine Studie des IAB hin, die demnächst Ergebnisse für das Land Niedersachsen in Bezug auf den Wandel der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt auf Ebene der Arbeitsmarktbezirke veröffentlichen wird. Neben der Frage nach der möglichen Zahl der Arbeitsplatzkürzungen, sind auch Fragen danach zentral, welche Berufsgruppen und -segmente besonders betroffen sind, um welche Anforderungsniveaus es sich in erster Linie handelt und welche Regionen im Land besonders konfrontiert sein werden.

Problematisch sei aus ihrer Sicht, dass sich KMU (in der Industriebranche) bisher wenig bis gar nicht mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt hätten. Hier gäbe es Aufklärungsbedarf, was das Ministerium mit seinen Aktivitäten im Kontext Industrie 4.0, mit dem „Netzwerk Industrie 4.0 Niedersachsen“ und dem vom BMWI geförderten Kompetenzzentren „Mit uns digital!“ und „Digitales Handwerk“ unterstützt.

Frau Stahlmann betonte auch in ihrem Vortrag, dass es nunmehr gelte, den technischen Fortschritt zur Aufwertung der Arbeit zu nutzen.

In der abschließenden Diskussionsrunde wurden auch Fragen und Anmerkungen aus dem Plenum aufgegriffen, die sehr heterogen waren. So ging es etwa um Digitalisierung im Kontext von Globalisierung und Internationalität, aber auch konkret um den Stand der Digitalisierung im Land Niedersachsen.

K. Kempa

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