Reihe "Vielfalt im Dialog erleben"

Bericht zur Veranstaltung „Sexuelle und geschlechtliche Identität“ im gesellschaftlichen Spannungsfeld von Anerkennung, Zähmung und Hass

17.05.2018 | Am 25.04.2018 ging es im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Vielfalt im Dialog erleben“ um sexuelle und geschlechtliche Identität. Referiert haben Kim Alexandra Trau, Historikerin M. A., Jugendbildungsreferentin in der Akademie Waldschlösschen und Dr. phil. Karolina Kempa, Kultursoziologin.

Dass sexuelle Identität sich nicht mehr auf das binäre Geschlechtersystem von männlich und weiblich sowie auf heterosexuelle Praktiken und Lebensmodelle reduzieren lässt, sondern sich in der Realität vielfältig(er) gestaltet, ist durch zahlreiche wissenschaftlichen Disziplinen anerkannt und belegt. Anders sieht es in gesellschaftlichen Diskursen aus, die politisch, medial und zivilgesellschaftlich ausgetragen werden. Einen besonders rigiden Ablehnungsdiskurs führen hier etwa rechte Bewegungen, die das Modell der Kleinfamilie als „natürlich“ und „schützenswert“ erachten und in gleichem Zuge andere Formen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt nicht bloß ablehnen, sondern auch aktiv bekämpfen. Doch auch in anderen Kontexten werden sexuelle Identitäten ausgehandelt. So ist etwa die Darstellung und Darstellbarkeit von sexueller Vielfalt in medialen Kontexten, z.B. Fernsehserien oder Kinderbüchern, nicht selbstverständlich, sondern unterliegt Grenzen, die wiederrum umkämpft sind.

Zu Beginn der Veranstaltung gab es ein Impulsreferat von Kim Alexandra Trau. Zunächst ging es um die aktuellen Geschehnisse wie z.B. das Grundsatzurteil vom 08.11.2017 der Verfassungsrichter, worin beschlossen wurde, dass von nun an intersexuelle Menschen sich auf das Grundgesetz berufen können, um in offiziellen Dokumenten weder als männlich noch weiblich anerkannt zu werden. Eine weitere Entwicklung ist die Ehe für alle, die am 30.06.2017 durch eine Bundestagsentscheidung eingeleitet wurde. Thematisiert wurde zudem der bagatellisierende Umgang der politischen Parteien wie CSU und AfD mit dem Thema sexuelle und geschlechtliche Identität.

So stellte sich heraus, dass die AfD-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalt (2016) die „Sexualisierung von Familie im Sinne eines biopolitisch nationalistischen Projekts“ plant. Hierbei gilt die Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“.  Der Schulunterricht habe die Botschaft zu vermitteln, dass „nicht Triebbefriedigung, sondern eine intakte Familie (…) ein primäres Lebensziel“ sei. Kritik an diesem Konzept der Kleinfamilie, wie sie etwa die geschlechterwissenschaftliche Forschung übt oder gar jeder Hinweis auf andere Geschlechtermodelle, werden als unwissenschaftlich und ideologisch abgetan. Als populäre Vertreterin dieser Gender-Diffamierung gilt Birgit Kelle, Organisatorin von „Demo für alle“, die sich gegen einen neuen gender-sensiblen Bildungsplan in Baden-Württemberg wendet und Autorin von „Gender Gaga: Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will“ (2015). Im weiteren Verlauf des Impulsreferats wurde über die aktuelle Situation in Deutschland in Bezug auf das Geschlechtersystem und vielfältige Lebensgestaltungsformen berichtet. Die zentralen Thesen Traus können wie folgt zusammengefasst werden:

·         Im Gegensatz zu der in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegenen Akzeptanz gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*, Inter* und queeren Menschen (LSBTIQ*) formulieren rechtspopulistische Parteien ihre geschlechter- und gesellschaftspolitischen Forderungen.

·         Das heterosexuelle Paar mit Kindern, geschlechtlich unzweideutig und mit traditioneller Arbeitsteilung, steht nicht nur im Zentrum ihrer Politik, sondern fungiert auch als Folie über die „die Anderen“ konstruiert und marginalisiert werden.

·         Soziale Ungleichheit bzw. die „prinzipielle Ungleichheit von Menschen“ lässt sich so als notwendig und „natürlich“ präsentieren.

·         Politik des Andersmachens: Angst vor den „Anderen“ – z. B. Muslim*innen, Migrant*innen, Geflüchteten, Roma, LSBTIQ*, Feminist*innen und Gleichstellungsakteur*innen – trägt dazu bei, diese abzuwerten und als „nicht-zugehörig“ auszugrenzen.

·         Es werden Kontinuitäten sichtbar, die nie wirklich aufgebrochen worden sind und sie erklären, warum Bildungspläne zu rechtspopulistischen Kampf- und Bekenntnisplätzen geworden sind.

·         Hier entscheidet sich, ob sich ein vielfaltsbejahender oder ein vielfaltsverneinender Gesellschaftsentwurf in das Bewusstsein der nachkommenden Generationen durch entsprechende (politische) Bildung einschreibt oder eben nicht.

 

Im Anschluss wurde im Plenum auf der Basis des Inputs diskutiert. Die TeilnehmerInnen berichteten von ähnlichen Erfahrungen, u.a. von Diffamierungen in Folge eines „Coming outs“. Während der Diskussion, die von Dr. Karolina Kempa moderiert wurde, stellte sich heraus, dass das Thema sexuelle und geschlechtliche Identität sehr emotionsgeladen ist. Kempa weist darauf hin, dass die Kategorie „Geschlecht“ von vielen als „letzte soziale Identitätskategorie“ in einer zunehmend komplexen, globalisierten und diversifizierten Welt angesehen wird. Während andere Kategorien wie Klasse oder „Rasse“ bröckelten oder als fragwürdig gelten, stellt „Geschlecht“ mitsamt seinen tradierten Implikationen eine Art Refugium dar. Nicht zuletzt dienen soziale Identitätskategorien auch der Komplexitätsreduktion von (erfahrener) Wirklichkeit.

Als weiterer wichtiger Aspekt stellte sich heraus, dass die Beschäftigung mit dem Themengebiet als „Nicht-Betroffene“ mit einem gewissen „sozialen Druck“ verbunden sei. Auch hierbei ließen sich die Kontinuitätslinien des „Otherings“ bemerkbar machen, da die Betroffenen mit Fragen wie „Warum setzt du dich für „die“ ein?“ konfrontiert werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Thema sexuelle und geschlechtliche Identität sowohl auf der politischen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene auf viele Affekte und Vorurteile sowie Diffamierungen trifft, denen entgegenzuwirken ist. Es bedarf einer Aufklärungsarbeit und Bewusstseinsbildung in Bezug auf die sexuelle und geschlechtliche Identität auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene, sodass der „Anti-Genderismus“ nicht zum Politikum wird, um populistische Zwecke durchzusetzen und breite Massen auf diese Art und Weise mobilisieren zu können. Zudem wurde analytisch dargelegt, dass der Diskussionsstrang um sexuelle und geschlechtliche Identität ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, was auch mit Problemen wie Ausländerfeindlichkeit einhergeht. D. h., dass es ein diskursives Netz gibt zwischen Ausländerfeindlichkeit und Negierung von alternativen Geschlechtskonzepten und damit einhergehend alternativen Lebensformen.

Referentinnen:

Kim Alexandra Trau, Historikerin M. A., ist Jugendbildungsreferentin in der Akademie Waldschlösschen und Mitglied der Projektgruppe „Arbeitswelt und Lebensperspektive“ im AdB-Programm „Politische Jugendbildung“. Sie beschäftigt sich mit Diskriminierungserfahrungen von jungen LSBTIQ* in Ausbildung, Betrieb und Alltag, entwickelt Vernetzungs- und Empowerment-Veranstaltungen sowie Strategien zur Weiterentwicklung von Jugendarbeit in LSBTIQ*- Organisationen.

Dr. phil. Karolina Kempa, Kultursoziologin und beschäftigt sich u.a. mit Gender-/Queer-Theorie und Forschung, mit Diskurstheorie sowie mit medialen Konstruktionen von sozialer Wirklichkeit. Sie arbeitet in der Kooperationsstelle Hochschulen & Gewerkschaften in der Zentralen Einrichtung für Weiterbildung an der Leibniz Universität Hannover.

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