Veranstaltungsreihe Schritt für Schritt ins Paradies

DAS RICHTIGE IM FALSCHEN – KONSUM FÜR EINE BESSERE WELT?

28.09.2016 | lautete der Titel der Veranstaltung am 13.09.2016 im Pavillon zum Thema „ Konsum“ Zu unseren Leitfragen - Welche politischen und ökonomischen Auswirkungen kann fairer Konsum haben? - Können wir globale ökonomische Verhältnisse durch unsere Konsumentscheidungen beeinflussen? - Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang (internationale) rechtliche Normen? diskutierten

Dr. Frauke Banse Universität Kassel, vormalige Campaignerin bei der Kampagne für Saubere Kleidung und Dr. Patrik Schreiner von der verdi Bundesverwaltung, Bereich Wirtschaftspolitik

Einleitend ging Frau Banse auf verschiedene Gütesiegel ein die Konsumenten ein „gutes Gewissen“ machen sollen. Sie bemängelte aber zugleich, dass diese Zertifizierungen nur zu einzelnen Punkten (zB. Ökologische Produkte) gelten, aber nicht die gesamte Wertschöpfungskette umfassen.
So sagt selbst der FWF (Fair Wear Foundation, eine Initiative verschiedener Akteure, die die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Kleidungs- und Textilindustrie zum Ziel hat), dass  100% faire Kleidung nicht möglich sei.
Gründe sieht Frau Banse u.a. darin, dass  in vielen Fällen nur eine Kontrolle der letzten Fertigungsschritte erfolgt,  Berücksichtigung von Umweltschäden aber nicht thematisiert werden.
Der FWF kann zwar gewerkschaftliche Organisierung erleichtern, ob das jedoch gelingt, ist eine  Frage der politischen Rahmenbedingungen. Gewerkschaftliche Organisierung ist aber nach Ihrer Meinung Voraussetzung dafür, dass nationale Gesetze überhaupt zur Anwendung kommen – und zwar vielfach nur durch Kontrolle und (internationalen) Druck.
Am Beispiel Pakistan erläuterte Sie, das sich das Land einerseits an (internationale) Brandschutzabkommen gebunden fühlt, andererseits  werden jedoch dort die Kontrollen durch reduzierten Arbeitsinspektoren erschwert, damit das „Investitionsklima“ für westliche Unternehmen nicht beeinträchtigt wird.
Fairer Konsum kann, so Frau Banse,  auch schnell zum Selbstzweck für unser Gewissen sein. So sagte eine Gewerkschafterin aus Bangladesch zu Ihr vor Ort: „davon haben wir gar nichts!“
Somit lautete das Fazit von Frau Banse: die Komplexität ökonomischer Beziehungen kann nur durch politische Regulierung gerecht werden, nicht durch individuellen Konsum!

Patrick Schreiner begann seine Ausführungen zunächst mit einem Rückblick auf die Entwicklung des Konsums im Kapitalismus.  Mit dem fordistischen Produktionsmodell wurde der Massenkonsum ermöglicht. Höhere Löhne trugen zu mehr Wohlstand bei, der Konsum wurde angeregt, Gewinne der Unternehmen steigen und damit auch wieder die Löhne. Dieses Modell galt  über eine längere Periode nach dem zweiten Weltkrieg bis Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Abgesichert waren die Beschäftigten durch den Sozialstaat, der zugleich für eine Integration der Arbeiterschaft in die kapitalistische Gesellschaft diente. Dabei gab es klare Grenzen der Rollen und der Zugehörigkeit (Männer im Beruf, Frauen am Herd, Migranten…).
Der Konsum im Neoliberalismus zeichnet sich nach Schreiner u.a. durch mehr Eigenverantwortung, Selbstentfaltung und „Freiheit“ aus, insgesamt konstatiert er eine Ausweitung der Konsumierbaren durch Privatisierungen und eine Produktion des unternehmerischen Selbst („Humankapital“).
Zugleich findet eine Positionierung des Individuums durch Konsum statt, wobei Teile des Bürgertums sich  durch „nachhaltigen“ und höherwertigen Konsum von der „ Unterschicht“ abgrenzen versuchen.
Nachhaltiger Konsum sieht Schreiner daher als eine Umdeutung der Probleme in Fragen ökonomischer Effizienz und individuellen Konsums anstelle von gesellschaftlicher Umverteilung.
Um die Welt besser zu machen als sie ist, so sein Fazit, müssen wir nicht nur auf unsere Konsumgewohnheiten „achten“ sondern vor allem politisch Handeln.
Seine Forderungen:
Die ILO (Internationale Arbeitsorganisation) zu stärken, eine nationale Sorgfaltspflicht für die Unternehmen mit Bezug auf Arbeitsrechte in den Lieferantenketten zu verankern, eine soziale und ökologische öffentliche Beschaffung sowie ein endsprechendes Vergabegesetz.
Europaweit muss aus seiner Sicht dringend die Tarifbindung sichergestellt sein.
 Im Kern geht es dem DGB und den Gewerkschaften um die bis heute fehlenden verbindlichen zwischenstaatlichen Regulierungen zur Durchsetzung einer sozialen Dimension der Globalisierung

Trotz Temperaturen von über 30 Grad verfolgten ca. 40 Teilnehmende diese interessante Veranstaltung im Pavillon.


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