Rückblick Netzwerktagung: "Zukunft der Arbeit 4.0 im Dienstleistungbereich"

Moderne Dienstleistungspolitik gefordert

18.11.2015 | Der niedersächsische Dienstleistungsbereich stand im Mittelpunkt der gemeinsamen Tagung des Netzwerks der Kooperationsstellen Hochschulen und Gewerkschaften aus Niedersachsen und Bremen sowie des Landesbezirkes verdi am 5. November 2015 in Hannover. Unter dem Titel: „Zukunft der Arbeit 4.0 im Dienstleistungsbereich – Chancen, Potenziale und Herausforderungen“ diskutierten über 120 PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen und GewerkschafterInnen die Perspektiven der Arbeit im Dienstleistungsbereich...

Die grundlegende Bedeutung von Dienstleistungen arbeitete Dr. Wolfgang Uellenberg-van Dawen, ehemaliger Leiter des Bereiches Politik und Planung der ver.di-Bundesverwaltung, in seinem Eingangsreferat heraus. In seinem Statement wies er auf die gegenwärtige Fixierung der deutschen Diskussion auf „Industrie 4.0“ hin, charakterisierte die aktuelle Dienstleistungspolitik als Beschäftigungsstrategie im Niedriglohnsektor und beschrieb die Herausforderungen des Dienstleistungsbereichs durch die zunehmende Digitalisierung. Zugleich wies Uellenberg-van Dawen auf die wachsende Bedeutung der Dienstleistungen für Wirtschaft und Gesellschaft hin. Zum Schluss seiner Ausführungen beschrieb er Konturen einer modernen Dienstleistungspolitik. Das gemeinsame Ziel sollte dabei sein, so Uellenberg-van Dawen, durch Innovationen und Investitionen mehr gute Dienstleistungen zu schaffen. Nicht zuletzt im Interesse eines sozialen und ökologischen Wachstums solle gute Dienstleistungsarbeit durch gute Arbeitsbedingungen erbracht werden. Damit verbunden sei eine entsprechende Qualifizierung der Beschäftigten und die Aufwertung der Dienstleistungsarbeit insgesamt.

In der anschließenden Runde „Auf einem Auge blind? Dienstleistungspolitik in Niedersachsen – Handlungsansätze und Handlungsbedarf“ diskutierten die Landtagsabgeordneten Dr. Gabriele Andretta (SPD, Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr) und Maaret Westphely (Bündnis ‘90/Die Grünen, ebenfalls Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr) sowie Dr. Arno Brandt (CIMA-Institut Hannover) über die aktuelle Situation des Dienstleistungsbereiches in Niedersachsen. Einig waren sich die ReferentInnen, dass der Dienstleistungsbereich zukünftig eine ganz wesentliche und wichtige Rolle in der Wirtschaft des Landes spielen wird. Wenn auch allen DiskutantInnen die zukünftige Bedeutung der Digitalisierung bewusst war, so wurden deren Auswirkungen teilweise unterschiedlich eingeschätzt. Einigkeit herrschte ferner bei der Feststellung, dass die Gestaltung der „Arbeit 4.0“ nicht ausschließlich den Arbeitgebern bzw. Unternehmen überlassen werden darf, sondern dass auch die Beschäftigten mit ihren Interessen hier eine gestaltende Rolle einnehmen müssten.

Der Nachmittag stand unter dem Motto: „Digitalisierung und Dienstleistungen“. Hierzu referierten Prof. Dr. Daniel Bieber (Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft e.V. Saarbrücken) und Dr. Martin Beckmann, Bereich Politik und Planung der ver.di-Bundesverwaltung. Beide vertraten die Auffassung, dass es den vielfach propagierten „technischen Determinismus“ nicht gibt. Die Einführung digitalisierter Technik bestimme nicht zwangsläufig gewisse Formen der Organisation der Arbeit. Prof. Bieber argumentierte, dass die Digitalisierung Grenzen habe, da nur Teile der Kommunikation indirekt erfolgen können. Gerade im Dienstleistungsbereich seien viele Interaktionen nur von Mensch zu Mensch möglich, und dies gelte nicht nur für den Beratungs- und Pflegebereich. Aufgeworfen wurde außerdem die spannende Frage, wie die durch die Digitalisierung entstehenden Rationalisierungsgewinne überhaupt verteilt werden. Kommen diese ausschließlich den Unternehmen oder auch den Beschäftigten zugute?

In seiner abschließenden Rede formulierte Detlef Ahting, ver.di-Landesbezirksleiter Niedersachsen-Bremen, „Anforderungen an eine moderne Dienstleistungspolitik in Niedersachsen“. Notwendig sei aus seiner Sicht eine andere Politik, die dem zunehmenden Wert von Dienstleistungen für die Entwicklung der Gesellschaft Rechnung trägt. Eine moderne Dienstleistungspolitik sollte das gesamte Spektrum der Dienstleistungen in all ihrer Heterogenität in den Blick nehmen. Sie frage nicht in erster Linie nach einzelnen Dienstleistungen oder Dienstleistungsbranchen, sondern nach übergreifenden Dienstleistungssystemen, ihrem Beitrag zur Bewältigung gesellschaftlicher Bedarfe und nach gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Herausforderungen. Damit seien, bemerkte Athing, im Wesentlichen die vier Bereiche ökologische Dienstleistungen, Bildungsdienstleistungen, öffentliche Dienstleistungen und soziale Dienstleistungen angesprochen.

Ver.di fordere deshalb eine keynesianische Wirtschaftspolitik, welche die Nachfrage nach hochwertigen Dienstleistungen steigere und damit mehr Anreize für das Angebot hochwertiger Dienstleistungen setzt. Höhere Entgelte seien dabei ein zentrales Element und trügen dazu bei, das zukünftige Wachstum stärker auszubalancieren. Dadurch würde die Exportabhängigkeit der Bundesrepublik reduziert und die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone abgebaut. Als weitere Bausteine einer modernen Dienstleistungspolitik sieht Ahting eine sozial gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die Entlastung der unteren und mittleren Einkommen verbunden mit einer Belastung der oberen Einkommensgruppen sowie deutlich höhere Sozialleistungen.

Ahting lud Politik und Unternehmensleitungen schließlich dazu ein, mit ver.di gemeinsam die Zukunft der Arbeit zu gestalten und in konkreten Projekten in Niedersachsen zu erproben.

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Reichtumsuhr

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