Science Day 2018 - Jahrestagung der Kooperationsstelle Hoschulen & Gewerkschaften Hannover-Hildesheim

Tagungsbericht „(Digitale) Arbeit der Zukunft - Schöne neue digitale Arbeitswelt oder digitaler Despotismus?"

06.03.2018 | Am Montag, den 26.Februar 2018 veranstaltete die Kooperationsstelle Hochschulen & Gewerkschaften Ihre Jahrestagung zur Arbeit der Zukunft, welche im Leibnizhaus in Hannover stattfand. Lesen sie hier den Tagungsbericht:

Zunächst stellte Prof. Dr. Kerstin Jürgens (Universität Kassel), Vorsitzende der Expertenkommission "Arbeit der Zukunft" der Hans-Böckler-Stiftung  ausgewählte Themenbereiche des Kommissionsberichtes vor. An den Beispielen Erwerbstätigkeit, Einkommen, Qualifizierung, Arbeitsorganisation und Gesellschaft skizzierte sie jeweils die Ergebnisse der Kommission bzw. deren Diskussionsstände.

Um die digitale Transformation zu bewältigen sind ihrer Meinung nach Konkrete und abgestimmte Vorschläge für die (Aus-) Gestaltung notwendig - der bisher ausgehandelte Koalitionsvertrag (zwischen CDU/CSU und SPD) bleibt hier aber eher lückenhaft.  Zwingend erforderlich ist aus Ihrer Sicht außerdem die Zielsetzung der digitalen Transformation zu klären und darüber einen Verständigungsprozess zu initiieren.

Ob der Mensch oder die Algorithmen zukünftig das Sagen haben wird, stellte Welf Schröter in den Mittelpunkt seines Vortrages. Er ist Leiter des „Forum Soziale Technikgestaltung“ beim DGB Baden-Württemberg. Seine These ist, dass an die Stelle der traditionellen Handlungsträgerschaft „Mensch“ immer mehr eine neue Handlungsträgerschaft „autonomes Software-System“ tritt, die zudem in der Lage ist, Entscheidungen und Transaktionen in Echtzeit durchzuführen. Die echtzeitstrukturierten, rechtsverbindlichen Transaktionen autonomer Systeme sind in ihrer Abstraktion, ihrer Geschwindigkeit und in ihrer zunehmenden Komplexität für den Menschen kaum mehr nachvollziehbar. Die Spannung zwischen der Autonomie des Menschen und der Autonomie der Software-Systeme wird damit zu einer großen gesellschaftspolitischen Herausforderung.

Ob Arbeit 4.0 und die Digitalisierung Gender-Gerecht gestaltet werden kann, dieser Frage ging Ute Brutzki vom verdi Bundesvorstand, Bereichsleitung Genderpolitik, nach. Nach ihrer Einschätzung lassen sich vier Trends ausmachen: 1. Feminisierung des Arbeitsmarktes, 2.  Automatisierung der „Lieblings-Frauenberufe“, 3. Abnahme von Produktionsberufen und 4. Zunahme von MINT-Berufen. Fazit ihrer Ausführungen: Die Auswirkungen auf weibliche und männliche Beschäftigte zu untersuchen und diese Veränderungsprozesse unter wissenschaftlicher Begleitung geschlechtergerecht in gesellschaftlichen, tariflichen und betrieblichen Prozessen passgenau mitzugestalten gehört auf die gewerkschafts-und gesellschaftspolitische Agenda.

Nach Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen, em. der Universität Dortmund, lassen sich bei der Frage Digitalisierung und Einfacharbeit vier verschiedene Entwicklungspfade unterscheiden: 1. Substitution einfacher Industriearbeit, 2. Aufwertung von industrieller Einfacharbeit, 3. Digitalisierte Einfacharbeit und 4. Stabilisierung von Einfacharbeit.

Gegenwärtig haben wir es mit einem pfadabhängigen Wandel von Arbeit zu tun, der zu einer Optimierung der Prozesse mithilfe digitaler Technologien und teilweise nur zu einem sehr begrenzten Einsatz digitaler Technologien sowie Implementation in bestehende Strukturen führt. Häufig geht es um eine Stabilisierung existierender Betriebs-und Arbeitsstrukturen, die zu marginalen Anpassungen der Arbeitsprozesse an neue Systeme führt und vielfach zusätzliche Qualifikationen erfordert. Auch geht es vielfach um ein „Updating“ bestehender Personalstrukturen sowie die Weiterentwicklung effizienter konventionell automatisierter Prozesse.

Prof. Dr. Axel Haunschild vom Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover thematisierte in seinem Vortrag den Wandel der Arbeit und die daraus resultierenden Auswirkungen besonders in Bezug auf die Digitalisierung von Arbeit, um abschließend auf verschiedene Gestaltungsherausforderungen und -ansätze einzugehen.

Seine fünf Thesen: 1. Technische Entwicklungsschübe sind nicht aufzuhalten; ihre soziale Gestaltung bedarf der Offenheit für technische Entwicklungen. 2. Die Arbeitswelt befindet sich in einer Phase digitaler Evolution, nicht in einer der digitalen Revolution. 3. Eine rein arbeitgeberorientierte Flexibilisierung und eine Deregulierung arbeitsrechtlicher Schutzbestimmungen sind keine zwangsläufige Konsequenz von Arbeit 4.0. 4. Die Digitalisierung bringt i.d.R. Entlastung von physischen Belastungen, führt aber auch zu neuen Belastungsformen. 5. Neue Belastungsformen sind nur im Kontext vorangegangener Entwicklungen der Arbeitswelt zu verstehen und zu adressieren.

In der Abschlussdiskussion kamen dann noch zwei betriebliche Vertreter/ innen zu Wort. Jutta Ulrich, Personalratsvorsitzende der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) berichtete über erste Digitalsierungsschritte u.a. bei der Krankenversorgung und- pflege, wobei nach ihrer Einschätzung die Entwicklung offen ist, ob es durch Digitalsierungsprozesse zu einer Ent- oder aber eher Belastung für die Beschäftigten kommen wird.

Jens Schäfer, Betriebsratsvorsitzender der Wabco AG, ein großer Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie (Nutzfahrzeuge), sieht ebenfalls etliches Gestaltungpotential durch die Digitalisierung auf seinen Betrieb zukommen bzw. in den ersten Schritten bereits umgesetzt. Die Aufgabe des Betriebsrates sieht Schäfer daran, sich frühzeitig in diesen Prozess einzuschalten und eigene Vorstellungen einzubringen.

Mit über 100 Teilnehmenden war die Veranstaltung wieder sehr gut besucht, die Diskussion zwischen den Teilnehmenden und den Referenten/-innen war sehr intensiv.

Alle Vorträge der Referenten/-innen können Sie hier downloaden, oder aber unter "Angebote und Projekte" -> Science D@y - Jahrestagung der Kooperationsstelle.

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Reichtumsuhr

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    In 15 Städten weltweit wurden im Rahmen des Projektes Videos mit einer Länge von 1-2 Minuten erstellt. Vorgabe: Die Aufnahmen sollten in einer einzigen Einstellung ohne Schnitte produziert werden. Entstanden sind beeindruckende Kurzportraits zum Thema Arbeit.

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