Reihe "Schritt für Schritt ins Paradies"

Veranstaltungsbericht: Arbeitszeitverkürzung ist angesagt!

29.05.2018 | Am 22. Mai 2018 fand die Veranstaltung „Schritt für Schritt ins Paradies – 28 Stunden sind genug?“ mit knapp 40 TeilnehmerInnen statt. Diskutiert haben Bertina Murkovic (Betriebsratsvorsitzende VW Nutzfahrzeuge), Margareta Steinrücke (Attac AG ArbeitFairteilen) und Lars Niggemeyer (DGB Niedersachsen), die Moderation übernahm Lea Arnold (DGB Niedersachsen).

Zunächst gab es eine Einführung von Dennis Olsen (IG Metall Hannover) in die historische Entwicklung der Wochenarbeitszeit in Deutschland. So betrug diese im Jahre 1825 82 Std., wurde bereits im Jahr 1932 auf 42 Stunden reduziert, bis sie ab 1941 auf 50 Stunden stieg und in den nächsten Jahren immer weiter abnahm, bis sie im Jahr 1995 auf 35 Stunden gekürzt wurde. Die Entwicklung wird bis 1995 als eine Erfolgsgeschichte bezeichnet, jedoch ist seit 1995 eine Stagnation festzustellen. 

Lars Niggemeyer machte im Anschluss deutlich, dass im Kapitalismus Arbeitszeitfragen immer auch Machtfragen sind. Er führte aus, das  es in Deutschland derzeit 24 Mio. Vollzeitbeschäftigte, 16 Mio. Teilzeitbeschäftigte und 3,5 Mio. Arbeitslose gibt und spricht in diesem Zusammenhang  von einer „versteckten Arbeitslosenquote“, da 1/3 der Teilzeitbeschäftigten eigentlich in Vollzeit arbeiten wollen würden und meint, dass hierfür eine Arbeitsumverteilung nötig wäre. In diesem Kontext sei zu beobachten, dass in Deutschland die Arbeitgeberperspektive ihre Dominanz bewahrt, d. h. dass arbeitsweltliche Themen vor allem aus der Perspektive des Arbeitgebers diskutiert würden. So ist auch das Festhalten an der 40. Stundenwoche bzw. am Modell der Vollzeiterwerbsarbeit eher im Arbeitgeberinteresse, was derzeit von der Politik gestützt würde: Denn so bleibt der Pool an potentiellen Arbeitskräften höher, da es eine Diskrepanz zwischen Vollzeitkräften und Arbeitslosen gibt, und die Unternehmen könnten sich ihre Beschäftigten aussuchen. Dagegen wäre eine gesellschaftliche Offensive wünschenswert, die nicht nur von Gewerkschaften ausgeht, sondern auch von weiteren AkteurInnen, wie z. B. Kirchen, mitgetragen wird. Im Zentrum der Auseinandersetzungen um Arbeitszeitregelungen sollte das Modell der Kurzen Vollzeit (28.Stundenwoche) stehen. Erreicht werden könnte diese durch die Umverteilung von Arbeit, wodurch auch das Teilzeitmodell abgeschafft werden könnte. Hierdurch würde auch die finanzielle Benachteiligung durch Teilzeitarbeit ausgeglichen werden können.

In diesem Zusammenhang wird von den ReferentenInnen diskutiert, dass ein grundsätzlicher kultureller Wandel in Bezug auf Arbeitszeitregelungen stattfinden müsste. So würde etwa Teilzeitarbeit gesellschaftlich grundsätzlich als minderwertiger bewertet, was auch der Grund dafür sei, weshalb insbesondere männliche Arbeitnehmer vor dieser Möglichkeit zurückschreckten. Teilzeit sei nach wie vor nicht kompatibel mit Ansprüchen an männliche Rollenbilder, die den Mann als Ernährer der Familie sehen. Und so sei Teilzeitarbeit vor allem Frauen vorbehalten- was sich in der Realität auch erschreckend offenkundig zeigt.

So berichtete Bertina Murkovic als Betriebsratsvorsitzende von VWN über die Situation in ihrem Betrieb. Mit 60 Männern und 120 Frauen als Teilzeitbeschäftigte in der Fertigung und mit 35 Männern und 240 Frauen als teilzeitbeschäftigte Angestellte legt sie die Diskrepanz in dem Geschlechterverhältnis in Bezug auf Beschäftigungsformen dar. Weitere Themen, über die Murkovic berichtet, sind der Wunsch der Beschäftigten nach flexibleren Arbeitszeiten und Änderungen in der Schichtarbeit sowie Fragen nach Altersvorsorge und Pflegebedürftigkeit. 

Auch Margareta Steinrücke (Attac AG ArbeitFairteilen) sprach über das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Arbeitszeiten und deren Folgen. So gibt es nicht nur einen „Gender-Pay.Gap“, sondern auch einen „Gender-time-gap“ und damit verbunden „Gender-money-gap” zwischen Frauen und Männern. Während 50% der Teilzeitbeschäftigten deutschlandweit Frauen sind, liegt der Anteil der Männer bei lediglich 12%.  Die Gründe für diese Diskrepanz basierten vor allem auf der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, das traditionelle und rückständige System in Deutschland im Vergleich zu anderen Europäischen Ländern und die Belastung durch Vollzeitarbeit (vor allem in intensiven Berufen wie für LehrerInnen, in der Pflegebranche etc.). Teilzeitbeschäftigung bedeutet nicht nur, dass die Menschen keinen existenzsicheren Lohn erhalten, sondern auch, dass ihre Altersvorsorge gefährdet ist. Lars Niggemeyer (DGB Niedersachsen), hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass ein politisches Klima für die Bedürfnisse der ArbeitnehmerInnen geschaffen werden müsse, sodass eine geschlechtergerechte Verteilung des Erwerbs gesichert werden kann.

Nach den Inputs der ReferentInnen wurde im Plenum diskutiert. Dominierende Themen waren vor allem die staatliche Höchstarbeitszeit, Kritik am Mindestlohn, Verkürzung der Arbeitszeit, Schichtarbeit und Personalmangel. Als Ergebnis der Diskussion kann folgendes festgehalten werden: Die Mehrheit der Diskutanten ist der Ansicht, dass die Arbeitszeitregelung gesetzlich geregelt werden müsste und dass die Arbeitszeitverkürzung nicht nur mit Tarifverträgen zu gewährleisten ist. Eine 28. Stundenwoche wäre gesellschaftlich wünschenswert und würde viele Ungleichheiten (zwischen Frauen und Männern, Voll- und Teilzeitkräften sowie Beschäftigten und Arbeitslosen) beheben. Dabei  muss, so sind sich die ReferenInnen einig, die 28. Stundenwoche als neue Normalarbeitszeit etabliert werden.

Ein gutes Leben, eine gute Arbeit, Wandel der Arbeit, Industrie 4.0, Gleichberechtigung von Frauen und Männern und die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit werden als Themen zusammengefasst, die von der Gesellschaft offensiv aufgegriffen werden müssen.

Elif Köroglu, wissenschaftliche Hilfskraft Kooperationsstelle Hochschulen & Gewerkschaften

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