Reihe: Schritt für Schritt ins Paradies

Veranstaltungsbericht: Werden wir durch Digitalisierung unseren Planeten retten?

29.10.2018 | Am Mittwoch, den 26. September 2018 fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Schritt für Schritt ins Paradies" ein weiterer Vortrag mit anschließender Diskussionsrunde statt. Referiert hat Tilman Santarius (wissenschaftlicher Autor). Die Moderation übernahm Franziska Wolters (Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen).

Tilman Santarius, Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin, skizzierte in seinem Einleitungsvortrag aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wie die Digitalisierung für eine zukunftsfähige Gesellschaft genutzt werden kann.

Er hinterfrage den Begriff der Disruption, der häufig für die Digitalisierung der Gesellschaft herangezogen wird. Disruptiv meint eine schnelle und grundständige Veränderung aller Lebensbereiche. Diese grundständige Veränderung sieht Santarius aber nicht gegeben, andere technologische Erfindungen im Zuge der industriellen Entwicklung (Elektrizität, Automobile etc.) seit dem 18.Jahrhundert wären in seinen Augen wesentlich bedeutender für die gesellschaftliche Entwicklung gewesen.

Aus seiner Analyse, die sowohl die ökologische Nachhaltigkeit als auch soziale und ökonomische Gerechtigkeit im Blick hat, entwickelte er drei Leitprinzipien einer zukunftsfähigen Digitalisierung:

1. Digitale Suffizienz – mit dem Leitspruch: So wenig Digitalisierung wie möglich, soviel wie eben nötig

2. Gemeinwohlorientierung – kollaborativ statt kapitalistisch (dies meint z.B. Open Scoure, kooperative Internetplattformen)

3. Konsequenter Datenschutz – Wessen Daten? – Unsere Daten

Das Qualitativ neue an der Digitalisierung sieht er vor allem in drei Bereichen:

a. Digitale Technik kommt sehr viel schneller als bisherige technische Innovationen (die Massenproduktion von Autos erfolgte erst ca. 30-50 Jahre nach dessen Erfindung)

b. Digitalisierung betrifft sehr viele Berufsgruppen, wobei häufig Teiltätigkeiten durch digitale Technik substituiert wird

c. Neue Jobs entstehen aber weniger im Bereich der Hochqualifizierten als vielmehr bei den Geringqualifizierten = was wiederum eine weitere Polarisierung bei den Einkommen und Vermögen bedeute.

Santarius Ziel ist es den Menschen begreifbar zu machen, dass „die Digitalisierung“ gestaltbar ist. Denn die Digitalisierung ist seiner Meinung nach ein idealtypisches Beispiel für den so genannten „Rebound-Effekt: Technische Effizienzsteigerungen führen zu Mehrverbräuchen und damit ist das Potential für Einsparungen dahin. Außerdem weist er darauf hin, das wesentliche Teile der Digitalisierung vom Neoliberalismus „überformt“ seien. So sind z.B. sechs der 10 größten Konzerne weltweit Unternehmen die ihr Geld mit der Digitalisierung verdienen. Facebook und Google allein teilen sich die Hälfte der 270 Mrd. Dollar, die im Internet für Werbung ausgegeben werden.

Um eine vernünftige transformative Digitalpolitik umzusetzen, müssen nach seiner Meinung Nachhaltigkeitsziele in den Blick genommen werden. Dies könne durch verschiedene „Leitplanken“ der Politik geschehen:

1. Durch eine Regulierung z.B. selektive Werbeverbote im Internet bzw. monopolrechtliche Regelungen bei den großen Internetkonzernen

2. Durch Anreize für die Einzelnen z.B. mit Hilfe digitaler Techniken verstärkt den ÖPNV zu nutzen

3. Durch Rahmenbedingungen für eine zukünftige digitale Gesellschaft, u.a. durch eine Arbeitszeitverkürzung / Verkürzung der Vollarbeitszeit auf z.b. 30 Stunden sowie eine digitale/ökologische Steuerreform, um den Faktor Arbeit von der bestehenden Steuerlast zu entlasten.

Sollten diese und ähnliche Ideen tatsächlich zum Tragen kommen, sieht Santarius eine gute Chance, das die Digitalisierung zu einer Triebkraft für eine nachhaltige, sozial- und ökologische Gesellschaft (Stichwort: sozialökologische Transformation) werden kann.

Die knapp 60 Teilnehmenden waren von dem Vortrag und der anschließenden Diskussion sehr angetan.

...

Reichtumsuhr

Pinnwand


  • Kooperationsstellen Niedersachsen und Bremen
  • Bundesarbeitsgemeinschaft der Kooperationsstellen
  • Gegenblende
  • Nachdenkseiten
  • TIB-UB_der_LUH
    Die Sondersammlung zur Gewerkschaftsbewegung mit einem Bestand von etwa 10.000 Bänden umfasst sozialwissenschaftliche Literatur und Gewerkschaftsmaterialien zur Organisationsgeschichte und -politik. Sie wird in Kooperation mit den sozialwissenschaftlichen Instituten der Leibniz Universität Hannover und dem Deutschen Gewerkschaftsbund aufgebaut.

  • Einstellung zur Arbeit
    In 15 Städten weltweit wurden im Rahmen des Projektes Videos mit einer Länge von 1-2 Minuten erstellt. Vorgabe: Die Aufnahmen sollten in einer einzigen Einstellung ohne Schnitte produziert werden. Entstanden sind beeindruckende Kurzportraits zum Thema Arbeit.

  • Logo Niedersachsen packt an