Veranstaltungsreihe: Schritt für Schritt ins Paradies

Vision und betriebliche Auseinandersetzung miteinander verbinden

30.09.2015 | Unter dem Titel „Geschichte wird gemacht! Arbeit & Organisierung & die digitale Revolution“ diskutierten Ute Demuth (Beraterin, Autorin und Erwachsenenbildnerin, Themen: digitaler Wandel und Interessenvertretungsarbeit), Johannes Katzan (Leiter des Ressorts Angestellte, IT und Studierende beim Vorstand der IG Metall) und Frank Rieger (Hacker, Autor, Internetaktivist und Co-Sprecher des Chaos Computer Clubs CCC) mit etwa 70 Gästen über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt.

Demuth wies auf zwei wesentliche Entwicklungslinien hin. Zum einen sähen sich Stammbeschäftigte in Unternehmen mit enormer Arbeitsverdichtung und Beschleunigung der Arbeitsabläufe konfrontiert. Nicht zuletzt aufgrund neuer Managementmethoden steige die Selbstverantwortung des Einzelnen. Dies führe insgesamt zu stärkeren psychischen Belastungen der Beschäftigten.

Größere Spielräume bei der Selbstorganisation böten durchaus auch Chancen auf mehr Selbstbestimmung, eine bessere Unternehmenskultur und anderes Führungsverhalten. Allerdings, so die Referentin, werden diese Spielräume derzeit durch geringeren gesundheitlichen Schutz der Beschäftigten erkauft. Betriebliche Interessenvertretungen stünden vor der Aufgabe, die sich bietenden Chancen zu nutzen bzw. Gefahren für die Beschäftigten einzugrenzen. Dabei betonte Demuth, dass für die betrieblichen Interessenvertretungen eine gute Kommunikationsstrategie entscheidend sei, um mit ihren Vorschlägen nicht neben der Geschäftsführung auch Teile der Beschäftigten gegen sich aufzubringen.

Zum anderen seien außerhalb der Unternehmen auch aufgrund politischer Maßnahmen in immer stärkerem Maße atypische Beschäftigungsformen anzutreffen. Für die Gruppe der Soloselbständigen gelte beispielsweise kein Mindestlohn, darüber hinaus verfügen sie über keinerlei Mitbestimmungsrechte. Dieser Zustand werfe eine Reihe von Fragen auf – beispielsweise, wie sich Soloselbständige organisieren können, welche Veränderungen dafür innerhalb von Gewerkschaften vollzogen werden müssten und wie soziale Sicherung gestaltet werden kann. Bei Letzterem könne die Künstlersozialkasse als Vorbild dienen.

Katzan griff in seinem Impulsreferat die Fachdebatte um die Auswirkungen der Digitalisierung auf. Aktuell diskutiert werde beispielsweise, ob dieser Trend zu mehr oder weniger Arbeitsplätzen führe, wie sich die Arbeitsbedingungen dabei verändern und ob es dadurch zu mehr Selbstbestimmung der Beschäftigten komme oder nicht.

Die Digitalisierung habe ferner im Büroalltag längst Einzug gehalten. Exemplarisch verwies der Gewerkschafter auf Reisekostenabrechnungen in Unternehmen hin, bei denen die Bearbeitung etwa in Indien ausgeführt werde. Aus gewerkschaftlicher Sicht fielen Versuche zur Organisierung der Beschäftigten im IT Bereich gemischt aus. Sichtbaren Erfolgen stünden weniger gelungene Fälle gegenüber. In diesem Zusammenhang führte Katzan außerdem die Fairphone-Initiative an (https://www.fairphone.com), die ein Smartphone über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg ohne Ausbeutung von Mensch und Umwelt herstellen möchte. Sie werde von der IG Metall im Arbeits- und Gesundheitsschutzfragen beraten.

Entwicklungen wie Crowdsourcing geben Anlass zu größter Sorge und drohten, sämtliche gewerkschaftlichen Errungenschaften zu zerstören. Zudem gebe es auf Seiten der Unternehmer eine größer werdende Bereitschaft, aggressiv gegen Gewerkschaften und Mitglieder der betrieblichen Interessenvertretung vorzugehen. Unter dem Begriff „Union Busting“ ist dieses Vorgehen in Fachkreisen bekannt.

Als Fazit hielt Katzan in Anlehnung an das Attac-Netzwerk fest, dass eine andere digitale Welt möglich sei, wenn das Thema von verschiedenen progressiven gesellschaftlichen Kräften gemeinsam angegangen werde.

Internetaktivist Rieger erläuterte, dass es aufgrund des augenblicklichen technologischen Standes keine Ausbeutung von Menschen mehr geben müsse. Wenn es zu produktivitätssteigernder Neuorganisation von Arbeit seitens der Geschäftsleitungen komme, müsse dies tarifpolitisch geltend gemacht werden, so der Co-Sprecher des CCC weiter.

Eine Politik, die sich ausschließlich in betriebliche Abwehrkämpfe verstricke, drohe, auf aktuelle Geschehnisse in der Arbeitswelt nur im Nachhinein reagieren zu können. Stattdessen plädierte Rieger nachdrücklich für eine Erarbeitung einer positiven Vision, wie Menschen miteinander leben und arbeiten wollen. Kernfragen seien hierbei: In was für einer Welt wollen wir leben? Welche Würde steht jedem Menschen zu und was bedeutet dies für unser Zusammenleben? Was ist gute Arbeit genau und wie muss diese ausgestaltet sein? Wie kann ein Leben ohne Diskriminierung von Menschen erreicht werden?

Diese Vision solle als Leitbild dienen, um die Digitalisierung positiv zu gestalten, und so könnten Menschen für den Einsatz für eine bessere Gesellschaft gewonnen werden. Negative Folgen der Digitalisierung könnten hingegen als der Utopie gegenläufig gebrandmarkt und ihnen besser entgegengewirkt werden.

In der folgenden Diskussion wurde deutlich, dass konkrete Utopie und betrieblicher Abwehrkampf keine Gegensätze bilden, sondern gleichermaßen wichtig sind. Selbstbewusste und qualifizierte Interessenvertreter_innen sind an dieser Stelle unerlässlich, damit sie sich sowohl für die Beschäftigten als auch als engagierte Streiter_innen für positive Visionen einsetzen können.

Unten finden Sie die Präsentation von Johannes Katzan sowie ein Link zur Studie "Union Bustung in Deutschland" der Otto-Brenner-Stiftung.

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Reichtumsuhr

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