Fleischkapitalismus – Moderne Sklavenarbeit in Niedersachsen?

Zahlreiche Missstände in der Fleischindustrie benannt

20.03.2015 | Matthias Brümmer von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Oldenburg schilderte in seinem Vortrag am 18. März 2015 mit teilweise drastischen Worten die Situation in der deutschen fleischverarbeitenden Industrie. Eingeladen zu dieser Veranstaltung in der üstra-Remise hatten die Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften Region Hannover-Hildesheim und das Forum für Kultur und Politik.

So seien 2013 in Deutschland über 58 Millionen Schweine, ca. 3,5 Millionen Rinder und über 700 Millionen Vögel geschlachtet worden. Insgesamt ergab dies etwa 8,1 Millionen Tonnen Fleisch, so Brümmer. Der Umsatz sei in den letzten Jahren stark angestiegen. Wurden 2001 26,6 Mrd. Euro erzielt, seien es 2013 bereits über 40,8 Mrd. € gewesen. Gleichzeitig sei der Anteil der sozialversicherten Beschäftigten von 175.000 (2001) auf 143.000 im Jahr 2013 zurückgegangen. Mittlerweile betrage der Anteil der Stammbelegschaft branchenweit ca. 62% und derjenige der Leih- bzw. WerksvertragsarbeitnehmerInnen rund 38%. In einzelnen Betrieben, so der Gewerkschafter, ist das Verhältnis inzwischen umgekehrt: Zwei Drittel Leih- und WerkvertragsarbeitnehmerInnen stehen nur noch ein Drittel Stammarbeitskräfte gegenüber.

Zwar würden häufig formal 8,50 € pro Stunde bezahlt, doch werde dieses Entgelt durch zahlreiche Maßnahmen de facto abgesenkt. Anstatt 173 Arbeitsstunden im Monat würden in einer Reihe von Fällen tatsächlich bis zu 230 Stunden geleistet. So komme es immer wieder vor, dass an sieben Tagen in der Woche Arbeitszeiten von 10-20 Stunden täglich durchaus üblich sind. Außerdem würden von etlichen Unternehmen keine Bezüge für Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit oder Mehrarbeit geleistet.

Zudem würden diverse Lohnabzüge von Unternehmen geltend gemacht. Diese umfassen lt. Brümmer für Miete (z.B. ein 20qm großer Raum für die Unterbringung von drei Personen) in Höhe von 200 Euro monatlich, für Arbeitskleidung 30 Euro pro Monat sowie für ein sogenanntes „Messerpfandgeld“ von 80-100 Euro monatlich.

Die Folgen für die Stammbelegschaft sieht Brümmer unter anderem in sinkenden Einkommen, immer weniger Tarifverträgen sowie kaum Ausbildungsplätzen. Insgesamt sind die Belegschaften dadurch erpressbarer geworden, zumal in vielen Betrieben keine Betriebsräte (mehr) existieren.

Die NGG fordert deshalb:

  • Der Mindestlohntarifvertrag muss immer wieder auf Einhaltung überprüft werden
  • Klarstellung, dass einzelne abhängige Prozessschritte von Werkverträgen ausgeschlossen sind
  • Höchstbegrenzung von Leiharbeit und Werkverträgen in den Betrieben
  • Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte bei Werkverträgen stärken
  • Klare Regeln für menschenwürdiges Wohnen
  • Abschaffung der EEG-Befreiung durch Leiharbeit und Werkverträge
  • Konzernleihe verbieten
  • Strafverfolgung massiver einsetzen

Die über 40 Anwesenden waren durch die Inhalte des Vortrags sehr beeindruckt und diskutierten im Anschluss lebhaft zu einzelnen Aspekten des Referats.

Die Folien des Referats von Matthias Brümmer können Sie sich hier herunterladen:

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